Was für Zeiten

Britta Lennardt

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Was für Zeiten

Noch vor einer Wochen hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir die heutige Welt mit Covid 19 vor Augen gemalt hätte. Die Schulen schließen, der Teil meiner Arbeit, der mich mit Menschen in Kontakt sein und Geld verdienen lässt (Seminare und Auftritte) bricht weg und alle schauen plötzlich in eine Richtung. Nicht nur in meiner Stadt und in diesem Land, sondern weltweit. Nun sind wir also hier, hocken als kleine Freundschafts- und Familienzellen aufeinander, können nicht feiern, nicht reisen und haben … Zeit? Noch kann ich diese Entwicklung stauend betrachten, denn noch sind alle meine Lieben bei Gesundheit, sind die Einschläge nicht nah genug, um mich zu fürchten. Auch bin ich zu rational, um mich aufgrund meines Wissens um Krankheitsverlauf und die prozentual niedrige Sterberate wirklich zu sorgen.  Und als heillose Optimistin mache ich mich auf die Suche nach den Möglichkeiten dieser Zeit.

Als Familien sitzen wir nun zeitweise unter einer Glocke. Wird es vermehrt Streit geben? Werden Kinder und Eltern sich auf den Nerven herum trampeln? Werden Paare anschließen sagen: »Das war´s.«? Oder wird es in neun Monaten gar volle Kreissäle statt Krankenbetten geben? Werden Eltern sagen, ich habe Zeit geschenkt bekommen und ich genieße sie mit meinen Lieben? In meiner Fantasie zwingen wir nun nicht die Streamingdienste in die Knie, sondern hocken einfach mal zusammen, spielen was, essen Kuchen, unterhalten uns. Und denken dabei auch an die, die grad niemanden haben, laden sie dazu, solange wir noch keinen Ausgehstopp oder Quarantäne haben.

Die Angst vor Corona ist die Angst vor dem Tod. Wir wissen es: Es gibt so viele Möglichkeiten zu sterben. Tagtäglich. Wir fürchten diese nicht. Nun ist hier – gesamtgesellschaftlich – etwas in Bewegung gekommen, wovor niemand mehr die Augen schließen kann. Dieses memento mori – das Bewusstsein dafür, dass wir sterben werden und dass dies selbstverständlich zum Leben dazu gehört, hat Menschen seit jeher dazu gebracht, das Wesentliche im Leben zu suchen und zu entdecken, hinter die Oberflächen zu blicken und sich zu fragen, ob es mehr gibt als das, was vor Augen ist. Auch dies ist eine Chance in diesen seltsamen Zeiten.

Bewegend finde ich die Solidarität. Noch nie habe ich mich als Freiberuflerin wertgeschätzter gefühlt, da nun öffentlich ausgesprochen wird, wie hart die Selbstständigkeit im künstlerischen Bereich ist, wie abhängig wir in unserer Arbeit von den reibungslosen Abläufen sind. Es war schon immer ein Drahtseilakt. Wie weit wird das Engagement für Kreative gehen? Vielleicht schaffen wir es, nicht nur die Wirtschaft, den Mittelstand, sondern auch die in prekären Verhältnissen lebenden Künstler*innen durch die Krise zu tragen. Das wäre ein wunderbares Zeichen der Solidarität.

»Angst ist ein schlechter Berater« und »Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«. – Mit diesen Sprüchen wurde ich groß. Und mit diesen Sprüchen werde ich alt. Denke ich.